Rezensionen

 

Geliebter Täter - Ein Diplomat im Dienst der „Endlösung“




Aus: Süddeutsche Zeitung, 17.11.2011


„Die Geliebte des SS-Schergen“

„[...] Wagner, Nazi-Diplomat und SS-Standartenführer, koordinierte als Legtimationsrat im Auswärtigen Amt Aufträge und Wünsche von Außenminister Ribbentrop und Reichsführer SS Heinrich Himmler. Nach dem Krieg war er angeklagt wegen Beihilfe zum Mord an 356.624 Juden. Bis zu seinem Tod 1977 gelang es ihm, sich einer Verurteilung zu entziehen. Außerdem war er der Mann, den Heidenreichs Mutter zeitlebens liebte. „Geliebter Täter“ (Droemer Verlag) heißt denn auch das Buch, in dem sich die Autorin erneut mit dem Doppelleben ihrer Mutter auseinandersetzt und dabei die  Karriere eines braunen Diplomaten nachzeichnet.

„Jetzt ist die Trilogie zum Glück abgeschlossen“, sagt Gisela Heidenreich und erzählt von der schwierigen Spurensuche, die sie gestützt auf die Liebesbriefe Wagners an ihre Mutter unternahm. „Ich habe nichts phantasiert, alles steht in einem historischen Kontext.“ Sie recherchierte in Rom, wo Wagner 1949 bis 1951 unter falschem Namen lebte, reiste nach Argentinien. Dort versuchte der Flüchtling 1951/52 Fuß zu fassen.Nach weiteren Aufenthalten in Italien und Spanien kam er 1956 nach Deutschland zurück, wohl wissend, das Adenauer die „Naziriecherei“ beendet hatte. Viele seiner ehemaligen Kollegen waren längst wieder in Amt und Würden. Heidenreichs verdienstvolle Nennung jener Männer, die den Sprung von der Nazi-Vergangenheit in den Chefsessel der jungen BRD mühelos schafften, lässt noch nachträglich erschauern.

[...]“ Ich war eine Weile [...] wie gelähmt und wollte das Buch schon aufgeben.“ Aber dann entschied sie sich, das Muster der Verdrängung, das ihre Kindheit geprägt hatte, nicht fortzuschreiben, die Wahrheit nicht zu verschweigen und keine „zweite Schuld“ (Ralph Giordano) auf sich zu laden. Denn ohne Erinnern ist Versöhnung nicht möglich.


Von Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung


zurück




Mit großer Hartnäckigkeit und Offenheit hat Gisela Heidenreich sich wiederum eingelassen auf ein schmerzliches und schwieriges Thema, das ihre Lebensgeschichte an sie herangetragen hat.

Wer war Horst Wagner, und wie war es möglich, dass sich dieser hohe Nazi-Funktionär mit dem Allerweltsnamen nach dem Krieg so hat durchlavieren können, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden?

Der Vortragende Legationsrat im Auswärtigen Amt und als SS-Standartenführer Verbindungsmann zwischen Himmler und Ribbentrop war beteiligt an der Ermordung von mehr als 350000 europäischen Juden!

Sind die historischen Fakten an sich schon unglaublich und schwer erträglich, so muss die Verstrickung der eigenen Mutter in die Geschichte umso mehr schmerzen.  Dieser Horst Wagner war auch die ´große Liebe` ihrer Mutter, und so ist es eine doppelt gruselige Geschichte, die Gisela Heidenreich aufgearbeitet hat. Ihre Recherchen führten sie u. a. nach Hamburg und Rom, in die Normandie und nach Argentinien.

„Geliebter Täter“ ist keine peinliche Betroffenheits- oder gar Rechtfertigungsgeschichte, wie es von Seiten der „Täterkinder“ deren einige gab. Das ist  dem ganz eigenen Stil zu verdanken, den die Autorin entwickelt hat – Stil im literarischen Sinne wie im Sinne der inneren Haltung – und mit dem sie das Objektive, die historischen Fakten, mit dem Persönlichen in Zusammenhang zu setzen versteht. 

Ein beachtliches und spannendes Buch  - und eine bewunderungswürdige Aufarbeitung der Geschichte eines Diplomaten aus dem „Amt“.


Von Regula Venske, Autorin


zurück





Leserrezension von Amazon.de

5.0 von 5 Sternen


Wie die Alten, so die Jungen, 5. November 2011


Gisela Heidenreich geht Anfang der 50er Jahre in München aufs Gymnasium. Weil sie nicht die Einzige sein will, die immer noch mit dem Ranzen zur Schule kommt, liegt sie ihrer Mutter in den Ohren wegen einer Aktentasche. Wochen später bekommt sie eine gebrauchte. Als Gisela ihre Tasche öffnet, liest sie mit blauer Tinte hineingeschrieben "Horst Wagner".

Selbstverständlich befragt die Gymnasiastin ihre Mutter nach diesem Mann. Was nun beginnt, ist die Geschichte einen Mann zu finden, der lange Zeit nicht nach Deutschland zurückkam, weil er Angst wegen seiner braunen Vergangenheit hatte.

Die Autorin verbindet sehr geschickt das Einzelbeispiel, das ins Private hineinreicht, mit der gesamtgesellschaftlichen Fähigkeit einer ganzen Nation die braune Vergangenheit aufzuarbeiten. Sie trifft dabei auf Schweigen und Ablehnung, aber auch auf stures Beharren längst vergangener Ideologien.

Wagner kam dann doch in die BRD und lebte hier noch viele Jahre ohne jemals ein Gespür für seine Schuld zu bekommen. Beinah resignierend schreibt Gisela Heidenreich über ihn: "Er fügte sein Handeln in den damals geltenden Referenzrahmen ein, der die Ermordung von Millionen Menschen möglich machte."

Zum Schluß steht Horst Wagner als Symbol für die Zeit, in der es das Nachkriegsdeutschland nicht geschafft hat, mit seiner Geschichte aufzuräumen. Dies ist die eine Sache, für mich als einer der nächsten Generation beobachte ich dasselbe Versagen in der Aufarbeitung der DDR - Zeit.


Meine Leseempfehlung für ein Buch mit aktueller Botschaft!


Von Christian Döring "leseratte"


zurück